Führung bewegt sich ständig zwischen zwei Polen: dem Impuls, alles im Griff und Lösungen parat zu haben sowie Kontrolle und Vorausschau und dem Wunsch, wirklich in Verbindung zu gehen, zu gestalten, Räume zu öffnen, im Flow zu sein. Viele Führungskräfte kennen beides sehr gut. Nach außen wirken sie professionell, klar und leistungsfähig. Doch im Inneren fühlen sie sich mitunter angespannt, erschöpft, im Tunnel.
Wenn gute Führung an einer unsichtbaren Grenze scheitert
Auf dem Papier stimmt in Unternehmen oft vieles: Strategien sind sauber ausgearbeitet, Rollen geklärt und Prozesse definiert. Und trotzdem kippt die Stimmung in stressigen Phasen. Plötzlich tauchen ungewollte Muster auf: Mikromanagement, scharfe Mails, unausgesprochene Konflikte, schweigende Meetings, Teams, die „auf Nummer sicher“ gehen, anstatt Verantwortung zu übernehmen.
Erstaunlicherweise hat es selten damit zu tun, dass die Menschen „es nicht besser wissen“. Im Gegenteil. Viele Führungskräfte haben Fortbildungen, Tools, Modelle und sogar Leadership oder Business Coachings absolviert. Und doch übernehmen in entscheidenden Momenten nicht sie die Führung, sondern ihr Nervensystem. Es entscheidet in Millisekunden, ob es eine Situation als sicher oder bedrohlich erlebt. Und genau das prägt dann die Kommunikation, Entscheidungen und Atmosphäre im Team.
Bevor das erste Wort ausgesprochen ist und der Kopf offiziell „beschließt“, wie er führen möchte – verwaltend oder gestaltend, hat der Körper schon reagiert. Unter gefühlter Bedrohung schaltet das System auf Überleben, also Angreifen, Flüchten oder Erstarren. Die Schultern spannen sich an, der Atem wird flacher, der Puls geht hoch. In einer als relativ sicher empfundenen Situation ist die Haltung aufrechter, der Atem ruhiger, der Blick weiter. Andere Fähigkeiten sind abrufbar: Zuhören, Nachdenken, Abwägen und Halten der Verbindung, selbst, wenn es unangenehm wird.
Welcher Zustand übernimmt die Führung?
Führung ist deshalb nicht nur eine Rolle oder ein Set an Methoden. Sie ist ein Zustand, den Menschen in Gespräche, Konflikte, Krisen oder Veränderungsprozesse mitbringen. Teams spüren sehr genau, in welchem inneren Zustand ihre Führungskräfte unterwegs sind.
Eine Leitung, die permanent am Limit läuft, sorgt oft ungewollt dafür, dass das gesamte System nervös, vorsichtig oder still wird. Eine Führungskraft, die innerlich einigermaßen reguliert ist, strahlt auch in objektiv schwierigen Situationen mehr Ruhe, Sicherheit und Offenheit aus.
„Control & Protect“ – Wenn überall Gefahren lauern
Ein innerer und in der heutigen Arbeitswelt häufig anzutreffender Zustand lässt sich mit „Control & Protect“ beschreiben. Er fühlt sich ungefähr so an:
- Bloß keinen Fehler machen.
- Bloß nicht angreifbar sein.
- Bloß nichts verlieren: Status, Einfluss, Tempo.
- Bloß alle Erwartungen erfüllen, die eigenen, die des Teams, die der Geschäftsführung
In einem solchen Zustand rutschen viele in oft unbeabsichtigte Verhaltensweisen: Kontrolle bis ins Detail, schnelle Urteile, wenig Raum für Widerspruch und Ambiguität, Härte gegen sich selbst und andere, Rückzug, wenn es zu viel wird.
Dieser Modus ist nicht falsch. Er schützt. Vielleicht hat er sogar dazu beigetragen, eine bestimmte Position oder ein Statusziel im Leben zu erreichen. Problematisch wird es, wenn dieser Modus zum einseitigen Dauerzustand wird.
„Create & Connect“ – Wenn Gestaltung Raum bekommt
Der Gegenpol dazu ist der Zustand, in dem Luft und Weite spürbar sind. Beschrieben mit „Create & Connect“ zeichnet er sich durch folgende Qualitäten aus:
- Es ist genug innere Sicherheit da, um auch schwierige Gespräche zu führen.
- Die Perspektive weitet sich. Es gibt mehr als nur „richtig“ oder „falsch“.
- Fehler sind unangenehm, aber kein Weltuntergang.
- Es darf Widerspruch geben ohne dass sofort alles infrage steht.
Dieser Zustand ermöglicht eher Entscheidungen, hinter denen mehrere Beteiligte stehen können. Teams trauen sich, ehrlich zu sein. Kreative Lösungen können grundsätzlich ansgesprochen werden. Die Führung wirkt weniger durch Druck, sondern durch Klarheit, Präsenz und Beziehung.
Wichtig: Kein Zustand ist permanent. Menschen wechseln zwischen beiden Zuständen. Gesund wird es dort, wo ein Bewusstsein und die Fähigkeit vorhanden sind, von „Control & Protect“ wieder zurück zu „Create & Connect“ zu kommen.
Bewusster führen mit Business Coaching
Business Coaching macht aus Führungskräften keine neuen Menschen. Es setzt an der Stelle an, an der viele feststellen: „Ich weiß zwar, wie ich führen möchte, aber im Ernstfall gelingt es nicht.“ Genau dieser Bruch zwischen innerem Anspruch und gelebter Realität ist der Ausgangspunkt für Veränderungen durch ein Coaching:
- Erste Aufmerksamkeit: Wie meldet sich eigentlich Stress im Körper? Durch Signale wie Enge im Brustkorb, Kloß im Hals, zusammengezogene Stirn, schneller Atem.
- Verstehen: Warum drückt diese eine Situation so sehr auf den Alarmknopf? Ist es das Thema, die Person, eine alte Erfahrung im Hintergrund, die Organisationskultur?
- Regulieren: Was hilft, um überhaupt wieder handlungsfähig zu werden – eine Pause, Atmung, ein Schritt aus dem Raum, ein innerer Satz, Klarheit über die eigenen Grenzen?
- Wählen: Nicht mehr automatisch in Kontrolle und Verteidigung rutschen, sondern bewusst über die Art des Sprechens, der Reaktion und Führung entscheiden.
Das Ziel besteht nicht darin, „noch besser zu funktionieren“, sondern auf die eigenen, bereits vorhandenen Fähigkeiten zugreifen zu können, auch wenn das Nervensystem alarmiert ist. Indem Business Coaching das Nervensystem und die inneren Modi einbezieht, arbeitet es an dieser unsichtbaren Grundlage, die es Führungspersonen ermöglicht, Verantwortung zu tragen, ohne sich selbst zu verlieren.
