Gesunde Persönlichkeitsentwicklung bedeutet nicht, immer „besser“ werden zu müssen, sondern sich selbst realistischer, freundlicher und milder zu begegnen. Sie verbindet psychologische Erkenntnisse über Persönlichkeit (z. B. in der Arbeit mit dem Big Five-Modell) mit einem tragfähigen Selbstwertgefühl, das auf Selbstwirksamkeit und Selbstachtung beruht.
Big Five: Persönlichkeit verstehen statt korrigieren
Das Modell der Big Five beschreibt fünf grundlegende Dimensionspaare unserer Persönlichkeit: Introversion – Extraversion, Gewissenhaftigkeit – Flexibilität, Offenheit – Beständigkeit, Kooperation – Wettbewerb und Sensibilität – Emotionale Stabilität.
Im Coaching helfen sie, Muster zu verstehen, nicht, um Persönlichkeit „umzubauen“, sondern um bewusster mit den eigenen Stärken und Herausforderungen umzugehen, in dem sich Menschen besser selbst kennenlernen und verstehen.
- Hohe Gewissenhaftigkeit kann zu Verlässlichkeit führen, aber auch zu Überperfektionismus und Stress, wenn sie ungefiltert gelebt wird.
- Hohe Sensibilität bedeutet nicht „empfindlich sein“, sondern eine erhöhte Sensibilität für Belastungen, die mit passenden Strategien zu Achtsamkeit, Selbstfürsorge und Grenzen führen kann.
Im Coaching geht es dabei weniger darum, Persönlichkeitsausprägungen zu „optimieren“, sondern sie zu integrieren: zu verstehen, warum jemand so reagiert, wie er reagiert, und wie er damit in bestimmten Situationen konstruktiv umgehen kann. D.h. wir nutzen als Ausgangspunkt immer Situationen, in denen Sie das Gefühl haben, Ihre bekannten Handlungsoptionen führen dahin, was Sie sich wünschen oder dass Sie sich selbst eingeschränkt, unwohl und unsicher in bestimmten Situationen fühlen.
Selbstoptimierung: Wenn Entwicklung zur Selbstabwertung wird
Die Selbstoptimierungs-Kultur, die wir in den sozialen Medien präsentiert bekommen, erzeugt oft den Eindruck, man müsse immer achtsamer, gelassener, fitter, „mindfuller“ und „fertiger“ entwickelt sein. Als gäbe es ein Ziel zu erreichen, an dem man sich gewappnet fühlt, dem Leben so zu begegnen, wie man es sich aus optimaler Sicht vorstellt. Doch gibt es das überhaupt? Ist nicht eher der Weg das Ziel mitsamt dem Lernen, Wachsen, Fehler machen und Stolpern, das uns jeden Tag begleitet und damit das Leben überhaupt erst so wunderbar unperfekt macht? Fast könnte man hier von toxischem Selbstoptimierungswahn sprechen, dem wir aus Sorge, nicht genug zu sein, anheim fallen. Ein Versprechen zum rechten Weg, zur „Mehr“ von Allem.
Wenn wir mal den Blick dahinter wagen, entdecken wir doch ganz unmissverständliche die simple und unausgesprochene Botschaft: „So wie du bist, reicht es nicht.“
Typische Anzeichen ungesunder Selbstoptimierung:
- Ziele entstehen aus Druck und Vergleich, nicht aus innerer Stimmigkeit.
- Persönliche Grenzen (Erschöpfung, Bedürfnisse, Werte) werden ignoriert.
- Erfolge fühlen sich hohl an und werden nur „abgehakt“, weil schon das nächste Ziel winkt.
Gesunde Persönlichkeitsentwicklung stellt eine andere Frage: „Wie kann ich mein Leben so gestalten, dass es meinem Wesen, meinen Werten und meinen Grenzen entspricht?“
Selbstwert nach Nathaniel Branden: Selbstwirksamkeit
Nathaniel Branden beschreibt in „Die sechs Säulen des Selbstwertgefühls“ Selbstwert als ein Zusammenspiel von Selbstwirksamkeit und Selbstachtung.
Selbstwirksamkeit meint das Vertrauen in die eigene Fähigkeit, mit den Herausforderungen des Lebens umgehen zu können.
Im Coaching zeigt sich Selbstwirksamkeit zum Beispiel darin:
- Klientinnen und Klienten erleben, dass ihr Handeln einen Unterschied macht: im Team, in Beziehungen, in Entscheidungen.
- Sie merken, dass sie Gestaltungsspielräume haben, auch wenn die Rahmenbedingungen nicht ideal sind.
Mit Persönlichkeitsmodellen wie den Big Five lässt sich hier gut arbeiten:
Wer etwa gelernt hat „Ich bin halt so, zuängstlich, zu sensibel, zu leise“, kann im Coaching entdecken: Diese Eigenschaften sind Teil der Persönlichkeit, aber sie definieren nicht die gesamte Handlungsfähigkeit.
Selbstwirksamkeit wächst, wenn Menschen Zusammenhänge verstehen, Alternativen erproben und erleben: „Ich kann Einfluss nehmen, nämlich in meinem Tempo, auf meine Weise.“
Selbstwert nach Nathaniel Branden: Selbstachtung
Die zweite Komponente bei Branden ist die Selbstachtung – das Gefühl, es wert zu sein und zu verdienen, glücklich zu sein.
Selbstachtung bedeutet nicht Selbstüberschätzung, sondern eine innere Zustimmung zur eigenen Person, trotz Fehlern und Unvollkommenheit.
Im Coaching wird Selbstachtung sichtbar, wenn Menschen:
- lernen, Grenzen zu setzen und „Nein“ zu sagen, ohne sich ständig schuldig zu fühlen.
- beginnen, ihre Bedürfnisse gleichwertig neben die Ansprüche anderer zu stellen.
- sich erlauben, Freude, Ruhe oder Erfolg zu erleben, ohne es permanent rechtfertigen zu müssen.
Hier liegt der entscheidende Unterschied zur Selbstoptimierung:
Selbstoptimierung fragt: „Wie muss ich mich verändern, um endlich genügen zu können?“
Gesunde Selbstachtung fragt: „Was brauche ich, damit ich mir selbst gerecht werde?“
Was gesunde Persönlichkeitsentwicklung im Coaching ausmacht
Wenn Persönlichkeitsmodelle und Selbstwertverständnis zusammenkommen, entsteht eine sehr fruchtbare Haltung für Coaching.
Ziel ist dann nicht, ein „besserer“ Mensch im Sinne externer Normen zu werden, sondern ein authentischerer Mensch im Einklang mit den eigenen Werten, Möglichkeiten und Grenzen.
Gesunde Persönlichkeitsentwicklung im Coaching bedeutet:
- Persönlichkeit verstehen: Big Five & Co. nutzen, um Muster zu erkennen ohne sie als Schablone oder Urteil zu missbrauchen.
- Selbstwert stärken: an Selbstwirksamkeit (Ich kann handeln) und Selbstachtung (Ich bin es wert) arbeiten.
- Selbstfürsorge statt Selbstoptimierung: Entwicklungsschritte wählen, die innerlich stimmig sind, statt nur „leistungsfähig“ zu wirken.
Damit wird Coaching zu einem Raum, in dem Menschen lernen, sie selbst zu sein, statt bessere Versionen eines fremden Ideals werden zu müssen.
